Die Entstehung der Homöopathie
und deren Grundprinzipien
Die homöopathische Heilkunst
und ihre über 200-jährige Tradition
Die Medizin des 18. Jahrhunderts war geprägt von aggressiven Methoden wie Aderlässen und Klistieren, die bei den Patienten häufig zu schweren Nebenwirkungen oder sogar zum Tod führten. Samuel Hahnemann war von dieser Art der Medizin enttäuscht und gab sie zeitweise ganz auf. Um seine rasch wachsende Familie zu ernähren, verdiente er seinen Lebensunterhalt durch Übersetzungen medizinischer Texte. Er beherrschte je nach Quelle zwischen sieben und zehn Sprachen.
1790 übersetzte Hahnemann die Arzneimittellehre des schottischen Arztes und Chemikers William Cullen. Dieser vertrat die Ansicht, dass Chinarinde Malaria heilen könne, weil die darin enthaltenen Bitterstoffe den Magen stärkten. Hahnemann zweifelte jedoch daran, denn viele Pflanzen enthalten Bitterstoffe und hätten demnach gegen Malaria wirksam sein müssen.
Das Hahnemann Memorial von 1900 in Washington, D.C.
Hahnemann entschloss sich zu einem Selbstversuch. Er nahm die Chinarinde ein und entwickelte schnell ähnliche Symptome eines Malariafiebers, ohne Malariaerreger in seinem Körper zu haben. Sobald er die Einnahme unterbrach, verschwanden die Symptome. Bei wiederholter Einnahme kehrten dieselben Symptome wieder zurück. Daraus schloss Hahnemann, dass die Chinarinde bei intermittierendem Fieber (wie bei Malaria) heilen kann, weil sie beim gesunden Menschen diese Krankheitssymptome hervorzurufen vermag.
Hahnemann führte in den darauffolgenden Jahren zahlreiche weitere Arzneimittelprüfungen durch und formulierte daraus das grundlegende Naturgesetz der Homöopathie und das erste Prinzip:
„Similia similibus curentur“ –
„Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt“.
Hahnemann war nicht der Erste, der dieses Wirkungsprinzip erwähnte, jedoch der erste, der es mit ausserordentlichem Eifer und naturwissenschaftlicher Genauigkeit erforschte und zu einem eigenständigen Heilsystem entwickelte – der Homöopathie. Auch in der griechischen Mythologie und in der Volksmedizin findet man diesen Gedanken: „Was verwundet, heilt auch.“ In der Homöopathie wird dieses Prinzip präzise auf den ganzen Menschen angewendet.
Die Potenzierung – die Kraft der feinen,
dynamisierten Information
Da die Ausgangssubstanzen in ihrer ursprünglichen Form für Hahnemann oft noch zu starke Nebenwirkungen hervorriefen, begann er die Arzneimittel zu potenzieren. Durch die Potenzierung blieb die Heilwirkung erhalten und die Nebenwirkungen wurden stark reduziert oder sogar beseitigt. Dabei wird die Ausgangssubstanz schrittweise verdünnt und rhythmisch verschüttelt (Dynamisierung). Es gibt verschiedene Potenzreihen: D-, C- und M-Potenzen (Verdünnung 1:10, 1:100 oder 1:1000), LM- und Q-Potenzen (sehr feine Verdünnung 1:50.000). Ab einer bestimmten Stufe (etwa C12 oder D24) sind mit naturwissenschaftlichen Messungen keine Moleküle der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar. Es bleibt die feinstoffliche Information – ein Impuls, der die Lebenskraft anregt.
Die Arzneimittelprüfung –
Wissen aus Prüfung an gesunden Menschen
Jedes homöopathische Arzneimittel wird zuerst an gesunden, freiwilligen Menschen geprüft. Prüfungen werden nie an Tieren durchgeführt, da diese ihre Empfindungen, Schmerzen und Symptome nicht in einer für uns verständlichen Sprache ausdrücken können. Es folgt eine Doppelblindstudie. Die Probanden dokumentieren genau alle körperlichen, seelischen und geistigen Veränderungen. Die übereinstimmenden Symptome werden gesammelt und bilden das neue Arzneimittelbild. Dieses Bild wird später mit dem individuellen Zustand des Patienten verglichen. Homöopathische Arzneien werden aus Pflanzen, Mineralien, Metallen, Tieren, Nosoden oder Imponderabilien hergestellt.
Die Lebenskraft –
die unsichtbare Ordnungskraft des Organismus
Wenn Körper, Seele und Geist in Harmonie sind, fliesst die Lebenskraft frei und wir sind gesund. Wird diese Kraft jedoch geschwächt durch Stress, unbewältigte Gefühle, falsche Ernährung, Schlafmangel, Suchterkrankungen oder andere Dysbalancen, können wir krank werden. Die Lebenskraft gerät aus dem Gleichgewicht und ist nicht mehr in Harmonie. Treten dann Symptome auf, sind diese keine Feinde, sondern Warnsignale unseres Organismus an uns. Symptome sind nur die Frucht einer Krankheit. Gesundheit bedeutet Harmonie. Heilung bedeutet, die Lebenskraft sanft zu stärken, damit der Organismus sich wieder selbst regulieren und heilen kann.
Dr. Mohinder Singh Jus
„Symptome kommen, um uns etwas zu zeigen. Sie kommen nicht, um zu stören, sondern damit wir etwas lernen.“
— Dr. Mohinder Singh Jus
Die Individualität – jeder Mensch ist einzigartig
In der klassischen Homöopathie wird nicht „die Krankheit“ behandelt, sondern der kranke Mensch in seiner gesamten Einzigartigkeit. Zwei Menschen mit der gleichen Diagnose erhalten oft völlig unterschiedliche Arzneimittel, weil ihre Symptome, ihre Lebensgeschichte, ihre Empfindungen und ihre Art zu reagieren verschieden sind.
Einzelmittel und Dosierung –
so viel wie nötig, so wenig wie möglich
Klassisch wird nur ein einziges Mittel (Einzelmittel) verabreicht – ein einziger Impuls mit der ganzen Information eines Arzneimittels. Danach wartet man ab, wie die Lebenskraft darauf antwortet. Diese Antwort ist in akuten Fällen schnell und bei chronischen Krankheiten unterschiedlich lang. Es gibt keine Dauertherapie. Die Devise lautet: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Solange eine deutliche Besserung besteht, wird die Arznei nicht wiederholt oder gewechselt, da dies den Heilverlauf stören oder unterbrechen kann.
Der Auslöser
Für jede Unstimmigkeit oder Dysbalance im Leben gibt es einen Auslöser. In wie weit sich dieser Auslöser manifestiert und eine Krankheit auslöst, hängt von der Resilienz des jeweiligen Menschen ab. In der Homöopathie ist die genaue Kenntnis dieses Auslöser von zentraler Bedeutung. Gelingt es, ihn zu finden, wird die Mittelwahl deutlich treffsicherer und dem Patienten oder der Patientin kann wesentlich wirkungsvoller geholfen werden.